Sammlung

«Skulptur des Monats» Juli 2004
Der sogenannte «Augustus von Primaporta»

Original

Datierung: Zeitgenössische Marmorkopie einer wohl 17 v. Chr. geschaffenen Bronzestatue
Herkunft: Primaporta bei Rom, Villa der Kaiserin Livia
Standort: Rom, Vatikanische Museen Nr. 2290
Material: gelblicher Marmor
Höhe: 204 cm

Abguss

Inv.-Nr.: 57-3 / SH 752
Herkunft: 1957 von der Stadt Rom geschenkt
Material: Gips, patiniert

Werkbetrachtung

Das Standbild des Kaisers Augustus zählt zu den bekanntesten römischen Statuen. Es wurde 1863 bei Primaporta, nördlich von Rom, in den Über-resten der Villa der Livia (der Ehefrau des Kaisers Augustus) gefunden. Hier muss die ursprünglich farbig gefasste Marmorkopie, welcher ein in der Öffentlichkeit platziertes Bronzeoriginal zu Grunde lag, in einer Nische gestanden haben. Darauf lassen die Reste eines Dübels schliessen, mit welchem die Statue an der Wand befestigt wurde, sowie die unvollständige Ausarbeitung der Rückpartien.

Der Kaiser trägt eine kurze Ärmeltunika mit einem Brustpanzer darüber sowie einen Feldherrnmantel (paludamentum), den er um die Hüfte und den linken Unterarm geschlungen hat. Er ist – auch wenn Helm und Sandalen fehlen – als Feldherr dargestellt. Der vorgestreckte und leicht angehobenen rechte Arm – als Gestus der adlocutio (Ansprache) zu verstehen – deutet an, dass der Herrscher zu seinen Truppen spricht. In der linken Hand ist wohl der Feldherrenstab zu ergänzen.

Der «Augustus von Primaporta» in der Skulpturhalle
Abbildung 1: Der «Augustus von Primaporta» in der Skulpturhalle.

In den Hauptzügen der Komposition, vor allem in der klaren Unterscheidung des Standes in ein Stand- und ein Spielbein, erinnert die Primaporta-Statue an den berühmten polykletischen Doryphoros. Die Anlehnung an die klassische Heroenstatue ist sicherlich nicht zufällig, sondern bewusst gewählt. Augustus war nicht nur ein erfolgreicher und beliebter Imperator, sondern erfreute sich geradezu göttlicher Verehrung. Mit nackten Füssen werden in der antiken Skulptur ansonsten nur Götter und Heroen dargestellt. Der delphinreitende Amor, der als Statuenstütze das Standbein verstärkt, symbolisiert die göttliche Abstammung des Kaisers: die ganze Julierdynastie, zu der Augustus gehörte, führte sich nämlich in ihrer Abstammung auf die meergeborene Göttin Venus zurück.

Der rundliche Kopf weist ebenmäige Züge auf. Auch hier wird, besonders in der Anlage der Haarlocken mit der spezifischen Zange über der Stirn, das Vorbild der klassischen Doryphoros-Statue erkennbar. Augustus lie sich zeitlebens in alterslosen Idealzügen eines Heroen versinnbildlichen. Insgesamt sind vier Bildnistypen des Kaisers überliefert, die sich voneinander aber nur geringfügig in der Frisur unterscheiden. Der hier zugrundeliegende Frisurtyp dürfte auf ein Urbild zurückgehen, das um 27 v. Chr., als der römische Senat dem damals noch als Octavian bezeichneten Herrscher den offiziellen Titel Augustus («der Erhabene») verlieh, geprägt worden ist. In der Fachliteratur wird dieser Haupttyp nach der vorliegenden Statue auch als «Primaporta-Typus» bezeichnet.

Der Brustpanzer trägt eine reiche Reliefverzierung. Die vielfigurigen Szenen heben die überragenden Leistungen des Kaisers für das Römische Reich hervor. In der zentralen Szene (Fig. 6–7) übergibt Partherkönig Phraates IV. dem Vertreter der Römer, bzw. dem Kriegsgott Mars selbst, eine römische Standarte. Diese hatten die Parther (lange Zeit der mächtigste Feind Roms) 53 v. Chr. bei ihrem Sieg über Crassus bei Carrhae erbeutet. Die Rückgabe fand im Jahre 20 v. Chr. statt.

Umzeichnung des Panzers des «Augustus von Primaporta»
Abbildung 2: Umzeichnung des Panzers des «Augustus von Primaporta».

Dieser diplomatische Erfolg des Kaisers wird durch die Rahmenfiguren als welthistorisches, ja kosmisches Ereignis gefeiert. Die links und rechts neben der Rückgabeszene sitzenden Frauengestalten (Fig. 4–5) werden als Personifikationen der unterworfenen Völker Spaniens und Galliens und damit als Hinweis auf die römische Weltherrschaft gedeutet. Die «Befriedung» der Welt bringt im Innern Wohlstand und Gedeihen. Darauf deutet die unter dem Bauchnabel liegende Erdmutter Tellus (Fig. 1), die, mit Ährenkranz und Füllhorn ausgestattet und von zwei Säuglingen umgeben, auch die Fruchtbarkeit verkörpert. Oberhalb der Tellus erkennt man die beiden persönlichen Schutzgötter des Augustus: Apollon (Fig. 2), auf dem Greifen reitend, und Artemis (Fig. 3), auf dem Hirsch sitzend. Auf der Brust sind himmlische Götter zu sehen, die für den Kosmos die Verantwortung tragen. Beschützend breitet Caelus (Fig. 9) das Himmelszelt aus. Selbe Figur könnte aber auch Saturn als Gott des wiederkehrenden Goldenen Zeitalters meinen. Dieses wird nämlich auch durch den auf dem Pferdewagen stehenden Sonnengott Sol (Fig. 8) und durch das Paar Aurora (Göttin der Morgenröte, mit Taukanne in der Linken, Fig. 10) und Luna (Mondgöttin, mit Fackel ausgerüstet, Fig. 11) herbeigeführt. Sonne und Mond versinnbildlichen durch ihre ewige Wiederkehr den Bestand dieser neuen imperialen Ordnung. Auf den Schulterklappen erscheinen noch zwei Sphingen (Fig. 12), die wie Wächter über diesem neuen Weltreich thronen.

Das neue «Goldene Zeitalter» wurde von Horaz im Jahre 17. v. Chr. im Carmen saeculare besungen. In diesem Jahr hat Augustus offiziell die Säkularspiele eröffnet. Für diese Feiern dürfte auch die der vorliegenden Marmorkopie aus Primaporta zugrundeliegende Urbild aus Bronze erschaffen worden sein.

Dirk Ditscher und Tomas Lochman

Auswahl an Literatur