Sammlung

«Skulptur des Monats» September 2004
Der sogenannte «Sklave» von Michelangelo

Original

Datierung: 1513–1516
Schöpfer: Michelangelo Buonarroti (1475–1564)
Ursprünglicher Bestimmungsort: Grab des Papstes Julius II.
Standort: Paris, Louvre (MR 1590)
Höhe: 229 cm

Abguss

Inv.-Nr.: 1894-1
Herkunft: L’Atelier de moulage du Musée du Louvre
Material: Gips

Werkbeschreibung

Die italienische Renaissance zeichnet sich durch ein waches Interesse an der Antike aus. In der bildenden Kunst macht sich dies besonders deutlich bemerkbar, denn die Darstellung des nackten menschlichen Körpers ist ohne das Vorbild der antiken Kunst undenkbar. Die Aneignung der antiken Bildersprache geschieht bei keinem anderen Künstler in solch produktiver Weise wie gerade bei Michelangelo. Ein folgenreiches Ereignis war die Entdeckung der berühmten Laokoon-Gruppe, die im Jahre 1506 in Rom ausgegraben wurde; Michelangelo war einer der ersten, die dieses antike Meisterwerk bewundern konnten. Es ist vor allem das Motiv des gefesselten, vergeblich um seine Freiheit ringenden Menschen, welches einen grossen Eindruck auf Michelangelo ausübte und das sich – in veränderter Form – auch beim «Sterbenden Sklaven» wiederfinden lässt.

Der nackte Jüngling wird durch eine quer über die Brust laufende Bande und durch leichtes Anlehnen auf den aufragenden Fels vor dem Zusammenbrechen bewahrt. Das rechte Bein ist durchgedrückt, das linke gelöst. Die rechte Hand liegt wagrecht vor der Brust, die linke, mit hochgehobenem, im Gelenk stark gebeugtem Arm, fasst hinten ans Haupt, das mit geschlossenen Augen nach rechts zurückgesunken ist. Der entspannte Gesichtsausdruck will aber – ebenso wie die lasziv wirkende Haltung des makellosen Körpers – nicht so recht zum Sterben passen. Etwas irritierend ist auch, wie der rechte Fuss die Standleiste «plattdrückt»; Michelangelo schien die Steinmasse unten zu knapp berechnet zu haben. Allerdings muss entgegen gehalten werden, dass die Figur unvollendet geblieben ist ...

Michelangelos «Sklave» im Louvre (Paris)
Abbildung 1: Michelangelos «Sklave» im Louvre (Paris).

Der «sterbende Sklave» präsentiert sich zwar dem heutigen Betrachter als eine einzelne, freistehende Figur, doch entspricht dies nicht den ursprünglichen Absichten des Künstlers. Entstanden ist die Figur nämlich als Teil eines monumentalen, für Papst Julius II. bestimmten Grabbaus.

Vierzig Jahre lang hat sich Michelangelo mit dem Projekt des Juliusgrabes beschäftigt. 1505 erhält er von Julius II. den Auftrag; 1545 ist das Monument vollendet. In der Zeit dazwischen erfährt das Projekt ständig neue Veränderungen und wird immer stärker reduziert. Ein Vertrag von 1541 sieht nur noch drei von Michelangelo selbst ausgeführte Statuen vor. Dies entsprach nur noch einem Bruchteil dessen, was ursprünglich geplant war. Der bereits zwischen 1513 und 1516 geschaffene «sterbende Sklave» war zu dieser Zeit noch als Bestandteil des Grabbaus vorgesehen. Ein Jahr später schlug Michelangelo jedoch vor, diese Figur und sein Pendant, den «rebellischen Sklaven», durch zwei andere zu ersetzen.

Grab Jiulius’ II.
Abbildung 2: Grab Papst Julius’ II. in San Pietro in Vincoli (Rom). Endfassung von 1542–1545.

Die «Sklaven» machten in den ersten Entwürfen Michelangelos einen bedeutenden Teil des Figurenschmuckes aus. Dennoch kommt ihnen innerhalb des gesamten Komplexes eine eher zweitrangige Bedeutung zu: Sie sollten als Rahmenfiguren für in der Sockelzone des Monuments angebrachte Nischen dienen.

Man muss sich bewusst sein, dass die heutige Benennung der Figuren als «Sklaven» aus dem 19. Jh. stammt. In den Verträgen zwischen Michelangelo und seinen Auftraggebern ist zunächst nur von «Figuren» die Rede, und in einem Brief des Künstlers werden sie einmal als «Gefangen»e bezeichnet.

über die Deutung dieser Figuren waren sich bereits die Zeitgenossen Michelangelos uneinig. Während Vasari in ihnen die vom Papst unterworfenen Provinzen sieht, werden sie von Condivi als Allegorien der Künste gedeutet, die durch den Tod Julius’ II. ihres grosszügigen Förderers beraubt werden und deshalb als Gefesselte erscheinen. Die Gestalt eines unvollendet gebliebenen Affen, der als Statuenstütze dient, scheint dies zu bestätigen. In ihm könnte die Vorstellung von der Kunst als Nachäfferin der Natur bildhaft zum Ausdruck kommen. Doch wird diese Deutung den Intentionen Michelangelos vermutlich nicht gerecht. Das Motiv des Gefangenseins taucht als ein Grundthema nicht nur in seinem bildnerischen, sondern auch literarischen Schaffen auf. Sein spezifisches Interesse für diese Thematik dürfte erklären, weshalb er von den zahlreichen für das Juliusgrab geplanten Skulpturen hauptsächlich die «Sklaven» in Angriff genommen hat. Und nicht zuletzt deshalb kann der «sterbende Sklave» auch losgelöst von seinem Zusammenhang im Grabbau betrachtet und verstanden werden.

Michael Wenk

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