Sammlung
«Skulptur des Monats» Oktober 2004
Der sogenannte «Gott aus dem Meer»
Original
Datierung: Um 460 v. Chr.
Material: Bronze
Fundort: im Meer beim Kap Artemision
Standort: Athen, Nationalmuseum 15161
Höhe: 1,95 Meter
Abguss
Inv.-Nr.: 30-1
Herkunft: Gipsformerei Athen
Material: Gips, bronziert
Werkbetrachtung
Den bronzenen Gott fanden Schwammtaucher im Jahre 1926 auf dem Meeresgrund vor dem Kap Artemision in Euböa. Er ist, zusammen mit weiteren griechischen Bronzeskulpturen, vermutlich in der frühen Römerzeit bei einem Schiffsuntergang auf den Grund gesunken. Dank dieses Unglücks blieben die kostbaren Bronzen vor grösseren Schäden bewahrt, so dass der Gott zusammen mit dem Wagenlenker aus Delphi und den beiden Kriegern aus Riace (die vor der kalabrischen Küste ebenfalls im Meer entdeckt worden sind), zu den einzigen vier noch erhaltnen grossformatigen griechischen Bronzeoriginalen aus dem 5. Jh. v. Chr. gehört. (Die übrigen Bronzestatuen aus dem Schiffswrack vom Kap Artemision stammen, wie auch alle anderen griechischen Grossbronzen, aus der spät-, bzw. nachklassischen Zeit).
Durch den Umstand, dass der Gott mit dem römischen Schiff verloren ging, konnte er in keiner der zahlreichen römischen Kopistenwerkstätten, welche die bekanntesten griechischen Meisterwerke in unzähligen Marmorrepliken wiederholten, kopiert und weiter verbreitet werden. Wir wissen auch nicht, wer der Schöpfer der Statue war, da der Gott nirgendwo in den antiken Texten erwähnt wird und auch sonst keine vergleichbaren Statuen beschrieben werden. In der archäologischen Forschung wird meistens der Bildhauer Kalamis als Urheber des Bronzegottes vorgeschlagen, weil die aufgrund stilistischer Datierung in die frühe Klassik zuweisbare Entstehungszeit gut mit der Schaffensperiode dieses Künstlers, der im zweiten Viertel des 5. Jhs. v. Chr. wirkte, übereinstimmt. In den antiken Schriftquellen wird der vermutlich aus Böotien stammende Kalamis für seine Pferde- und Frauendarstellungen gerühmt. Er ist auch der Schöpfer einer Statue des unheilabwehrenden Apollon auf der Athener Agora (Apollon alexikakos), den man im sogenannten «Omphalos-Apollon», einer römischen Kopie nach einem frühklassischen Werk, wiedererkennen wollte. Doch bleibt Kalamis eine unbekannte Grösse, da kein Werk von ihm eindeutig identifiziert worden ist, und die Zuordnung des Gottes aus dem Meer nur eine Vermutung bleibt.
Abbildung 1: Kopf des «Gottes aus dem Meer» in der Skulpturhalle.
Der bronzene Gott ist in seinen strengen und klaren Umrissen im Körper und vor allem im Gesicht eindeutig als ein Werk der frühen griechischen Klassik zu erkennen, und ist damit in die Zeitepoche des sogenannten «Strengen Stils» (ca. 480–450 v. Chr.) zu datieren.
Er steht in angespannter und gerade aufgerichteter Haltung da. Beeindruckend ist die imposante Grösse und Länge seiner Arme und Beine. Die Komposition ist, unter Beibehaltung strenger Axialsymmetrie, frontal in die Breite ausgerichtet. Das meiste Gewicht des Körpers lastet auf dem linken Bein, das nach vorne gestemmt ist, während das andere leicht entlastet ist, indem es nur mit dem Fussballen und Zehen den Boden berührt. Der Gott setzt zu einem Wurf an; der rechte Arm holt nach hinten aus, während der linke Arm, gleichsam das Wurfziel visierend, weit zur Seite bis in die Fingerspitzen ausgestreckt ist. Die Unterseite des rechten Armes ist nach oben gedreht; ganz deutlich erkennt man die angespannten Adern und Muskeln. Die Rechte umgreift das nicht mehr vorhandene Wurfgeschoss, wobei der abgespreizte Zeigefinger dieser Geste etwas Spielerisches verleiht.
Der Kopf des Bronzegottes ist zu seiner Linken gewendet. Die ebenmässige Nase und das energische Kinn weisen in die Richtung, in die er werfen wird. Der kleine Mund ist eingerahmt von einem Vollbart aus langen dichten und strähnigen Haaren. Den Kopf umspannt ein kunstvoll geflochtener Zopf; unter ihm hängen dichte, kräftig abgehobene Stirnfransen herunter, während die restlichen Haare eng an der Kalotte anliegen. Die Augen waren aus separat gearbeitetem Material eingesetzt und auf das unbestimmte Wurfziel gerichtet.
Abbildung 2: Ergänzungsvorschlag der Skulpturhalle: Der Gott als Poseidon mit Dreizack.
Wen wollte er wohl treffen? Wer hat mit der Strafe des zürnenden Gottes zu rechnen? – Diese Frage hat man sich weniger oft gestellt als diejenige, welches Geschoss denn man in seiner rechten Hand ergänzen sollte, denn von diesem fehlenden Attribut hängt die klare Identifizierung des Gottes ab.
Da er ein Gott ist, das geht eindeutig aus dem überlebensgrossem Format der Statue hervor. Als Bartträger kann er dabei nur Zeus oder Poseidon sein.
Eindeutig lässt sich diese Streitfrage nicht entscheiden, da sich sowohl Blitzbündel (ein Attribut des den Himmel regierenden Zeus) als auch ein Dreizack (dasjenige des Meeresgottes Poseidon) ohne weiteres in seiner Rechten ergänzen liessen. Aus diesem Grund wird unsere Statue ihre neutrale Bezeichnung «Gott aus dem Meer» auch weiterhin behalten.
Marianna Musella und Tomas Lochman
Auswahl an Literatur
- Raimund Wünsche, Der «Gott aus dem Meer», Jahrbuch des deutschen archäologischen Instituts 94, 1979, S. 77–111.
- John Boardman, Griechische Plastik. Die klassische Zeit (1987) S. 83–84 Abb. 35.
- Claude Rolley, La sculpture grecque Bd. 1 (1994) S. 333–336 Abb. 343f.
- Georges Duby – Jean-Luc Duval, Skulptur von der Antike bis zum Mittelalter (1999) S. 162.
- Nikolaos Katsas, Sculpture in the National Archaeological Museum Athen (2003) Abb. XIV S. 24/S. 39ff.
- Künstlerlexikon der Antike Bd. 1 (2001), S. 373–382 s. v. Kalamis (P. Moreno).
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