Sammlung

„Skulptur des Monats“ Januar 2005
Die sogenannte „Nike von Samothrake“

Original

Datierung: um 190 v. Chr.
Material: Parischer Marmor
Fundort: Kabirenheiligtum auf der Insel Samothrake
Standort: Paris, Louvre (MA 2369)
Höhe: 245 cm

Abguss

Inv.-Nr.: SH 248, 1892-3; 1987-8 (Hand)
Herkunft: Paris, Abgussatelier Arrondelle
Material: Gips, patiniert

Werkbetrachtung

Die Nike von der nordgriechischen Insel Samothrake ist nicht nur eines der bekanntesten Skulpturen aus der Antike, sie ist auch eines der Schlüsselwerke für die griechische Kunstgeschichte. Die aus parischem Marmor gearbeitete Statue besticht schon allein durch ihre monumentale Größe von 2 m 45. Sie stellt die geflügelte griechische Siegesgöttin Nike (lat.) dar, wie sie mit noch ausgebreiteten Flügeln zur Landung ansetzt. Nike ist das griechische Wort für „Sieg“ (Victoria auf lateinisch).

Gefunden wurde die Statue im Jahre 1863 von französischen Archäologen im Bereich des Kabirion, einem Kultbezirk, in dem die „Grossen Götter“ (griechisch megaloi theoi oder kabeiroi) verehrt wurden. Der seit dem 8. Jh. v. Chr. als Kultort nachweisbare Platz erfuhr seit dem Beginn des Hellenismus eine großartige architektonische Ausgestaltung und war in der Antike weithin berühmt.

Am höchstgelegenen Punkt des Terrains stiessen die Ausgräber auf die mehr als hundert Fragmente der bei ihrer Auffindung komplett zerbrochenen Marmorstatue. Die Bruchstücke wurden nach Paris gebracht und dort rekonstruiert. So konnte eines der wichtigsten Meisterwerke griechischer Bildhauerkunst wiedergewonnen werden – einzig die Arme und der Kopf blieben bis auf den heutigen Tag verloren.

Spätere Feldforschungen österreichischer Archäologen in den Jahren 1873 und 1875 führten zur Klärung von Standort und Aufstellung der Figur: Die im Anflug dargestellte Siegesgöttin hatte auf dem Sturmdeck eines Schiffsbugs (griech. prora) aufgesetzt. Die prora war in einem Wasserbecken plaziert, in dessen vorderem Teil sich das eingeleitete Wasser an Felsblöcken brach. Dieses Wasserspiel gab so eine künstlich-natürliche Kulisse ab.

Bei den folgenden archäologischen Untersuchungen kamen immer wieder weitere Fragmente der Basis wie auch der Statue zu Tage. Zuletzt fand man 1950 den rechten Handteller der Figur.

Nike von Samothrake
Abbildung 1: Gipsabguss der Nike von Samothrake in der Skulpturhalle.

Meisterhaft dargestellt ist der kraftvolle Balanceakt der Göttin gegen den Luftwiederstand. Mit dem weit ausgreifendem rechten Bein stemmt sie sich gegen das Bootsdeck und sucht zugleich mit dem zurückgesetzten linken Fuß das Gleichgewicht. Diese Instabilität wird durch die versetzt aufeinander aufbauenden Körperachsen sowie durch die ausgebreiteten mächtigen Schwingen verstärkt. Wie nass wird der dünne, unter der Brust gegürtete Chiton an den kräftigen Leib gepresst, eine Gewandspange hat sich sogar auf der rechten Schulter gelöst und ist bis auf den Ansatz der Brust hinabgeglitten. Das große Manteltuch ist um die rechte Hüfte geschlungen und bildet im Gegensatz zur Transparenz des Chitons Stoffmassen, die sich sperrig um den Unterkörper bauschen. Der verlorene, aber aufgrund des Schulteransatzes erhoben zu rekonstruierende rechte Arm wird eine Siegerbinde gehalten haben. Ob der gesenkte linke Arm ein Attribut hielt, ist ungewiss.

Das Widerspiel der Kräfte und der Gewandmotive wusste der Schöpfer der Statue meisterhaft zu gestalten. Die dynamisch und abrupt gegeneinander gesetzten Körperachsen sowie die „barocke“ Gewandgestaltung sind Charakteristika, die bezeichnend für die Plastik des Hochhellenismus sind und welche die für die Zeit um 190 v. Chr. gesicherte Datierung bestätigen.

Nike war in der antiken griechischen Kultur die Personifikation des Sieges. Wem sie erscheint, dem ist der Sieg – egal ob im Krieg, Sport- oder Dichterwettkampf – gewiss. Die Beflügelung der Göttin, die rasch und unvermutet auftauchen, aber wieder verschwinden kann, versinnbildlicht auch, daß Siege vergänglich sind.

Nike von Samothrake im Louvre
Abbildung 2: Original auf dem rekonstruiertem Schiffsbug im Pariser Louvre.

Zu Beginn des 2. Jhs. v. Chr. hatte das Motiv der Nike, die sich auf einem Schiffsbug niederlässt, bereits eine eigene Bildtradition. An deren Beginn sind die anlässlich seines Sieges über Ptolemaios bei Salamis auf Zypern geprägten Münzbilder des Demetrios Poliorketes vom Ende des 4. Jhs. v. Chr. zu setzen. Mit dem Beginn des Hellenismus und dem Konkurrenzkampf der Nachfolger Alexanders d. Gr. um die Reichseinheit und später um die einzelnen Staatsgebilde, erhält die Nike eine noch größere Bedeutung. Die Sieghaftigkeit eines Herrschers, seine Fähigkeit, militärische Auseinandersetzungen zu seinen Gunsten zu entscheiden und so Nike für sich zu gewinnen, war ein wesentlicher Aspekt des hellenistischen Herrscherideals. Es ist eindeutig, daß die Nike von Samothrake an eine gewonnene Seeschlacht erinnern soll. Zwar haben sich keine direkten Hinweise (wie etwa Inschriften) erhalten, aber aufgrund von historischen Erwägungen erscheint es als gesichert, daß die Nike als Siegesmonument zu verstehen ist, das die mit den Römern verbündeten Rhodier im Anschluss an ihren Sieg über die seleukidische Flotte des Antiochos III. von Syrien im Jahr 190 v. Chr. gestiftet haben. Hierfür spricht auch der rhodische Marmor, der für die prora verwendet wurde, wie auch die verbürgten intensiven Beziehungen der Rhodier zum Heiligtum von Samothrake.

Britta Gehring

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