Sammlung

«Skulptur des Monats» Februar 2005
Die sogenannte «Marsyas-Schleifer-Gruppe»

Original

Datierung: Römische Kopien nach einer hellenistischen Bronzegruppe aus der Zeit um 210 v. Chr.
Material: Marmor
Fundort: Herkunft unbekannt, angeblich aus der Gegend von Rom; Skythe erstmals im 16. Jh. als Teil der Sammlung Chigi bezeugt.
Standort: Florenz, Uffizien (Skythe), München, Glyptothek (Marsyas)
Höhe: 1, 05 Meter (Skythe); 1,28 (Marsyas)

Abguss

Inv.-Nr.: 01-4 (240); 78-103 (SH 1209)
Herkunft: Skythe: vermutlich aus der «Kunstanstalt Aug. Gerber», Köln; Marsyas: München, Gipsformerei der Glyptothek
Material: Gips, patiniert

Werkbetrachtung

Die Marmorkopien des messerschleifenden Skythen und des aufgehängten Marsyas gehen auf eine Gruppe zurück, die im späten 3. Jh. v. Chr. in Kleinasien entstanden sein muss.

Die phrygische Sagengestalt Marsyas ist ein Silen – ein Mann mit tierhaften Zügen. Seine Wesensmerkmale sind die Spitzohren und der Pferdeschwanz und vor allem sein ungestümer Charakter. Er hat es gewagt, entgegen der Warnung der Göttin Athene, auf den von ihr erfundenen auloi (Flöten) zu spielen und dabei erst noch den Gott der Musik selbst, Apollon, zu einem Wettkampf mit dessen Kitharaspiel herauszufordern. Seine Hybris wurde nach verlorenem Spiel auf grausame Weise bestraft. Aufgehängt an einem Baum wurde ihm bei lebendigem Leib die Haut abgezogen.

Marsyas-Schleifer-Gruppe in der Skulpturhalle
Abbildung 1: Marsyas-Schleifer-Gruppe in der Skulpturhalle.

Der Scherge, der für Apoll diese Strafe vollziehen soll, ist ein Skythe. Die Skythen gehörten einem Volksstamm Südrusslands an, der als besonders grausam galt. Der skythische Schinder hockt – nur mit einem kurzen Mantel bekleidet – vor einem Schleifstein, an dem er bereits das Messer wetzt, und blickt zu seinem Opfer empor.

Die originale Gruppe, die in Kleinasien (wo Marsyas vielfach verehrt wurde) im fortgeschrittenen 3. Jh. v. Chr. entstanden sein muss, ist verloren. Wir kennen nur Marmorkopien oder verkleinerte Nachbildungen aus römischer Zeit. Ihre grosse Zahl macht aber deutlich, daß die Gruppe berühmt war. Allerdings sind die zahlreichen Marmorkopien nie als Gruppe aufgefunden worden, sondern nur als Einzelstücke. Vom hängenden Marsyas existieren mindestens zehn lebensgroße Repliken, darunter die hier gezeigte Münchner Kopie; vom Skythen hingegen nur die eine in den Florentiner Uffizien. Offensichtlich wurde in römischer Zeit nur selten die ganze Gruppe kopiert und aufgestellt.

Rekonstruktion der Marsyas-Schleifer-Gruppe
Abbildung 2: Rekonstruktion der Marsyas-Schleifer-Gruppe.

Die Marsyas-Repliken lassen sich nach dem verwendeten Marmor (entweder eine rein weisse Gesteinssorte, oder der etwas rötlichere, phrygische Marmor) in zwei Gruppen unterteilen. Bei den «roten» Repliken sind die Gesichtszüge noch etwas realistischer, ja drastischer gestaltet. Wahrscheinlich ist der Urtypus dieser Variante etwas später als derjenige der «weissen» entstanden, womöglich erst in römischer Zeit.

Wie die originale hellenistische Gruppe, die aus Bronze bestand, zu rekonstruieren ist, darüber geben Darstellungen auf Münzen oder Gemmen wertvolle, wenn auch nicht sehr präzise Auskunft (Abb. 3). Danach setzte sich die Gruppe vermutlich nicht nur aus Marsyas und seinem skythischen Peiniger zusammen, sondern auch noch aus einer Statue des sitzenden Apollon, der als Sieger der Schindung seines unterlegenen Gegners beiwohnt. Vom Gott hat sich allerdings keine konkrete Replik erhalten.

Sowohl Marsyas wie auch der Schleifer beeindrucken durch die realistische Darstellung; bei Marsyas wird die qualvolle Anspannung durch den stark herauswölbenden Brustkorb und der darunter flach eingezogenen Bauchdecke ersichtlich. Schmerzverzerrt sind auch seine Gesichtszüge; der Mund ist geöffnet, Stirn und Wangen sind durch Schmerzfalten zerfurcht. Der Skythe fällt durch den flach geformten Kopf, das derb gestaltete, «unschöne» Gesicht und durch seine dumpfe Mimik auf.

Römisches Karneol in Privatbesitz
Abbildung 3: Römisches Karneol in Privatbesitz.

Die Marsyas-Schleifer-Gruppe wird dank neusten Forschungsergebnissen mit gutem Recht mit einer politischen Auseinandersetzung in Verbindung gebracht. In der Zeit, in der die Gruppe entstanden sein dürfte, erlebte Kleinasien nämlich einen Machtkampf zwischen dem in Syrien residierenden seleukidischen König Antiochos III. und seinem kleinasiatischen Provinzstatthalter Achaios. Der von seinen anfänglichen militärischen Erfolgen übermütig gewordene Achaios erklärte sich 221/20 v. Chr. im phrygischen Laodikeia zum König von Kleinasien und stellte sich somit gegen seinen eigenen Regenten. Im folgenden Machtkampf wurde Achaios von Antiochos besiegt und in ähnlich grausamer Weise wie Marsyas bestraft: Nachdem man ihm die Hände und Füsse abgeschlagen hatte, hängte man ihn an einem Pfahl auf. Die Ähnlichkeit der Bestrafung und die Übereinstimmung Phrygiens als Herkunftsort des Marsyas bzw. Schauplatz von Achaios Erhebung sind verlockende Gründe für eine Verbindung dieses mythischen Ereignisses mit der erwähnten politischen Begebenheit. Danach dürfte die Marsyas-Schleifer-Gruppe als eine Art «Sieges-Mahnmal» kurz nach 213 v. Chr., dem Jahr der Hinrichtung des Achaios, entstanden sein.

Der Marsyas-Mythos ist von antiken Künstlern vielfach dargestellt worden. Den berühmtesten Vorläufer der hellenistischen Gruppe stellt die um 450 v. Chr. vom attischen Bildhauer Myron geschaffene Athena-Marsyas-Gruppe dar, die ebenfalls in einzelnen römischen Kopien überliefert ist (siehe SH 102, 917). Myron brachte in seiner Gruppe eine frühere und entscheidende Episode aus dem Marsyas-Mythos zur Darstellung: Die Göttin Athena, die eben ihre Flöten weggeworfen hat, warnt Marsyas, der verzückt auf die Flöten blick, davor, die Instrumente zu ergreifen; Marsyas konnte der Versuchung jedoch nicht widerstehen, womit das Verhängnis seinen Lauf nehmen sollte.

Der dramatische Stoff um Marsyas und vor allem dessen Bestrafung erregte nicht nur in griechischen und römischen Kreisen, sondern auch bei den Künstlern der Renaissance und des Barock höchste Bewunderung. Vielfach wurde das schauerliche Thema der Schindung in der Plastik und der Malerei adaptiert, wobei man das Thema als Bändigung der ungezügelten Natur durch gottgewollte Ordnung auslegte und die Bestrafung noch drastischer «ausschlachtete» als im antiken Vorbild.

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