Sammlung
«Skulptur des Monats» Januar 2006
Die sogenannte «Trunkene Alte»
Original
Datierung: Römische Marmorkopie eines hellenistischen Originals des späten 3. Jahrhunderts v. Chr.
Material: Marmor
Fundort: Rom
Standort: München, Glyptothek
Höhe: 92 cm
Abguss
Inv.-Nr.: 78-109 (SH 1215)
Herkunft: München, Gipsformerei S. Bertolin
Material: Gips, patiniert
Werkbetrachtung
Dem Themenrepertoire der griechischen Plastik gehören hauptsächlich idealisierte Götter-, Heroen- und Athletenbilder an, welche durch ihre meisterhafte, nahezu perfekte Wiedergabe des menschlichen Körpers herausragen. Von diesem «klassischen» Schönheitsideal weit entfernt ist die heute in München aufbewahrte Statue einer vom Alter gekennzeichneten, betrunkenen Frau. Die Verwahrloste hockt am Boden und klammert sich mit beiden Armen an ein grosses Gefäss. Das von der Schulter gleitende Kleid enthüllt ihren von extremer Magerkeit geprägten Körper. Das nahezu maskenhafte Gesicht wird durch den leicht geöffneten Mund und den starren, nach oben gerichteten Blick charakterisiert. Die Wiedergabe der Falten und der hängenden Hautsäcke macht deutlich, dass es sich dabei keineswegs um die realistische Darstellung einer alten Dame, sondern vielmehr um eine Art Karikatur handelt, bei der gewisse physische Merkmale (wie Alter und Hässlichkeit) bewusst hervorgehoben werden. Aber nicht nur körperliche Eigenschaften werden negativ betont: der zurückgeworfene Kopf und das groteske Lachen machen deutlich, dass die Dargestellte betrunken ist. Somit wird klar, dass die grosse, mit Efeublättern (Attribut des Weingottes Dionysos) geschmückte Flasche in ihren Händen Wein enthielt.
Abbildung 1: Original in München, Antikensammlungen.
Die Deutung dieser Statue wird erst nach der Erforschung ihres kulturellen Entstehungskontextes möglich. Seit den Anfängen der griechischen Kultur bestand ein enger Zusammenhang zwischen dem physischen Aussehen eines Individuums und seinen moralischen Eigenschaften. Aus diesem Grund werden die Helden und die siegreichen Athleten in einer auffällig idealisierten Art dargestellt; das Aussehen bzw. die Pflege des Körpers wird von den alten Griechen als Bestandteil ihrer geistigen Vollkommenheit verstanden. Während die Bildhauerei der klassischen Epoche (5. und 4. Jh. v. Chr.) sich hauptsächlich mit diesem Ideal beschäftigt, wird ab der hellenistischen Zeit (3. Jh.) das Themenrepertoire erweitert. Unter dem Einfluss der attischen Komödien werden Figuren und Motive präsentiert, die in der idealen Welt der Klassik kaum Platz gehabt hätten, sondern einer neuen geistigen Welle zugeschrieben werden müssen. Neben den «positiven» Vorbildern der griechischen Kultur (Götter und Heroen) können jetzt auch negativ einzuschätzende Figuren bzw. soziale Gruppen wiedergegeben werden. Diesem kulturellen Kontext gehören Darstellungen von Barbaren und Sklaven an, aber auch Bilder von alten oder durch Krankheiten, Deformationen oder Laster geprägte Figuren. Unter diesem Aspekt muss auch die Trunkene Alte gedeutet werden. Sie ist als eine Art Antithese zum griechischen Ideal zu interpretieren. Die Skulptur erfüllte aber keineswegs einen moralischen Zweck; künstlerische Produktionen dieser Art stehen vielmehr mit dem intellektuellen Klima des frühen Hellenismus in Zusammenhang, in welchem auch Statuen von Arbeitern (z. B. Fischern) in dieser karikaturistischen Weise realisiert wurden. Wie Herakleides Pontikos schrieb: «Geniessen und Wohlleben ist Sache der Freien, dann dies erhebt und steigert die Seele. Schuften dagegen ist Sache der Sklaven und kleinen Leute, daher verkrümmen diese auch in ihrer Natur». Während der Wein eine entscheidende (und durchaus positive) Rolle beim Bankett der Adligen besass, ist diese einsame, alte, hässliche Betrunkene eine lächerliche Figur, deren reelle physische Merkmale in einer überrealistischen Art und Weise emphatisiert wurden.
Abbildung 2: Terrakottafigur aus Nordafrika, 3. Jh. v. Chr., München, Antikensammlungen.
Der Entstehungskontext der Figur erlaubt, sie im späten 3. Jh. v. Chr. zu datieren. Plinius d. Ä. (Naturalis Historia 36,32) erwähnt eine anus ebria, eine ‹Trunkene Alte›, die von Myron aus Theben geschaffen worden sei, wobei der römische Schriftsteller damit fälschlicherweise den gleichnamigen Bildhauer klassischer Zeit meint. Die Bedeutung dieses Sujets ergibt sich nicht nur aus dem Plinius-Zitat (wo sie, wenn auch zu unrecht, mit einem der berühmtesten Meister der griechischen Plastik in Zusammenhang gebracht wird), sondern auch aus den zahlreichen Kopien (bzw. Zitaten) in der Kleinkunst (siehe Abb. 2). Es ist allerdings nicht schlüssig zu beweisen, dass die von Plinius erwähnte (und im damaligen Smyrna zu sehende) Trunkene mit der in der Münchner Glyptothek aufbewahrten Skulptur identisch sei. Das griechische Original wurde vermutlich als Weihgeschenk für ein Dionysos-Heiligtum hergestellt, vielleicht in der Stadt Alexandria. Diese ägyptische Metropole gehört zu den wichtigsten Kulturzentren der Zeit (hier stand auch eine sehr berühmte Bibliothek) und bietet somit das ideale intellektuelle Klima für die Entstehung eines solchen Werkes.
Das von der alten Frau gehaltene Gefäss ist ein Lagynos, eine Flasche, die vor allem im östlichen Mittelmeerraumgebiet verbreitet war. Sowohl zeitlich wie auch inhaltlich kann diese Statue mit dem Hof vom ptolemäischen König Ptolemaios IV. (221–204 v. Chr.) in Verbindung gebracht werden. Dieser griechische König Ägyptens begründete in Alexandrien wichtige Feste und Opfergaben, die mit Dionysos zu verbinden sind, darunter auch eine Lagynophoria («Flaschenfest»). Die Trunkene Alte wurde wahrscheinlich für einen solchen Anlass realisiert und dem Heiligtum des Weingottes geweiht.
Esau Dozio
Auswahl an Literatur:
- Paul Zanker, Die Trunkene Alte. Das Lachen der Verhöhnten (1989).
- R. R. R. Smith, Hellenistic Sculpture (1991).
© Skulpturhalle Basel 2010 (barmasse.org)
