Sammlung
«Skulptur des Monats» Februar 2006
Die sogenannte «Achill und Penthesilea-Gruppe»
Original
Datierung des griechischen Originals: um 160 v. Chr.
Material: Bronze (?) im Fall des griechischen Originals und Marmor im Falle der römischen Kopien
Fundort: diverse Fundorte
Standort: diverse Museen
Abguss
Inv.-Nr.: (SH 1135)
Herkunft: Abgusswerkstatt der Skulpturhalle: Rekonstruktion von Ernst Berger und Bildhauer Willi Walter (1962–1972)
Material: Gips, patiniert
Höhe: 212 cm
Rekonstruktion
Mit Abgüssen von Fragmenten verschiedener römischen Kopien einer verlorenen hellenistischen Gruppe. Die Skulpturhalle besitzt drei Versionen sowie Einzelabgüsse sämtlicher Fragmente
Werkbetrachtung
Die Basler Skulpturhalle besitzt mit den drei Rekonstruktionen der berühmten hellenistischen Gruppe des Achill und der Amazonenkönigin Penthesilea eine bedeutende Einmaligkeit: Es gibt kein anderes Museum auf der Welt, das diese statuarische Gruppe in rundplastischer Form überliefern würde, denn das zugrundeliegende Werk, eine Schöpfung des 2. Jhs. v. Chr. ist im Original längstens verschollen und auch die römischen Marmorkopien – mindestens 4 rundplastische Repliken lassen sich nachweisen – haben nur in Trümmern überlebt.
Diese römische Fragmente befinden sich in acht verschiedenen Museen. Zwischen 1962 und 1972 hat der frühere Direktor des Antikenmuseums und der Skulpturhalle, Ernst Berger, mit Hilfe des Bildhauers Willi Walter diese Gruppe in drei voneinander nur in Details der Armhaltung der Amazone abweichenden Gipsrekonstruktionen wiedererstehen lassen. Die Rekonstruktionen untermalen aufs Schönste den Vorteil des Mediums ‹Abguss›; mit Gips- bzw. Kunststoffabgüssen kann man in der Skulpturforschung wesentlich mehr realisieren als mit den entsprechenden Originalen selbst, denn die originalen Fragmente werden in den jeweiligen Sammlungen immer in ihrem fragmentarischen d. h. unvollständigen Zustand verbleiben. Mit den von ihnen abgenommenen Abgüssen lassen sich aber solche Zusammenführungen und Vervollständigungen ohne Weiteres durchführen. Im Falle der Achill und Penthesilea-Gruppe störte es dabei nicht, dass die jeweiligen Fragmente nicht Bruch an Bruch aneinander passten: Da alle entsprechenden Marmorkopien nach ein und demselben Original (das vermutlich aus Bronze war) gemacht wurden, war es dennoch möglich, die unterschiedlichen Elemente zum plastischen Ganzen zusammenzuführen. Fehlende Zwischenstellen können dabei in Gips ergänzt, sich überschneidende Partien abgenommen werden.
Abbildung 1: Zweite Version der Rekonstruktion in der Skulpturhalle Basel.
Ernst Bergers ältester Rekonstruktionsversuch vereint Fragmente aus dem Musée d’Art et d’Histoire in Genf (Achilltorso), dem Museo delle Terme in Rom (Penthesileatorso) und die Köpfe aus dem Basler Antikenmuseum (Penthesilea) und aus dem J. Paul Getty Museum in Malibu (Achill, der im Jahre 1988 aber dem Antikenmuseum überlassen wurde). In der zweiten, hier gezeigten Version (Abb. 1) wurden andere Replikenteile verwertet: Torso des Achill aus dem Konservatorenpalast in Rom, Torso der Amazone aus dem Palazzo Borghese und Achillkopf aus dem Prado in Madrid. Im Jahr 1968 wurden die kurz zuvor in den Hadriansthermen in Aphrodisias ausgegrabene Replikenteile abgegossen: die Torsen der beiden Protagonisten sowie die rechte Hand des Achill. Im gleichen Jahr hat Ernst Berger im Museum von Afyon (Zentralanatolien) auch noch drei weitere Fragmente der Penthesilea entdeckt. Alle neuen Fragmente aus der Türkei wurden dann zusammen mit den Köpfen aus Basel für die dritte Version verwendet (Abb. 2).
Abbildung 2: Dritte Version der Rekonstruktion in der Skulpturhalle Basel.
Eine schöne weitere, wenn auch weniger getreue Überlieferung der Gruppe liefert eine stark verkleinerte römische Wiederholung, die im fragmentierten Zustand in Libanon gefunden wurde und von der die Skulpturhalle einen rekonstruierten Abguss besitzt (Abb. 3).
Abbildung 3: Gipsabguss der Statuettenreplik in Beirut.
Die Achill und Penthesilea-Gruppe ist ein Musterbeispiel für die Kunst des hohen Hellenismus. In dieser Zeit waren aussagekräftige, ja pathetische Bildthemen und effektvolle Gruppenkompositionen bevorzugt. Die Gruppe ist in der Tat von höchster Dramatik – sie bringt einen Zweikampf zur Darstellung, der im Rahmen des trojanischen Krieges stattfand; der Anführer der Griechen und die Königin der sagenhaften Amazonen, die auf der Seite der Trojaner kämpften, standen sich in einem dramatischen Zweikampf gegenüber. Die Gruppe gibt den Augenblick unmittelbar nach dem drastischen Höhepunkt wider. Achill hat eben die Amazonenkönigin tödlich verwundet, geht jedoch nicht als siegreicher Triumphator vom Kampffeld hervor, sondern steht mit verzweifeltem Gesichtsausdruck seiner Gegnerin bei. Was ist passiert? Beim Kampf hat Achill nämlich das Gesicht der Penthesilea zum erstenmal erblickt. Von der Schönheit der Amazonenkönigin überwältigt, verliebte er sich in sie – zu spät, denn den tödlichen Stoss hat er ihr bereits im Elan des Gefechtes zugefügt. Die Königin stirbt und Achill schleppt sie vom Kampffeld weg, um der Amazone wenigstens die Schändung durch die Griechen zu ersparen. Tod und Leben, Hass und Liebe greifen hier unvermittelt ineinander über. In dieser pathetischen Dramatik ist das Werk ein typisches Beispiel für die hochhellenistische Kunst des 2. Jhs. v. Chr. Die stilistische Formensprache unterstützt die Dramatik des Themas. Die tief gehöhlten Augen, die dadurch entstehenden Licht-Schatteneffekte sowie der Kontrast zwischen den aufgewühlten Haaren zu den glatten Hautpartien unterstreichen die Dramatik des Themas. Man sieht dem Achill mit den starr aufgerissenen Augen und dem abrupt abgewendeten Kopf seine Verzweiflung an, während die Penthesilea spürbar die letzten Atemzüge auszuhauchen scheint. Im Hinblick auf die Bedeutung dieser Gruppe und die Stil- und Formensprache kommt als Entstehungsort nur das führende Kunstzentrum der damaligen Zeit in Frage, die Stadt Pergamon.
Tomas Lochman
Vorläufige Literatur (eine umfassende Publikation steht noch aus):
- Ernst Berger, Der neue Amazonenkopf im Basler Antikenmuseum – Ein Beitrag zur hellenistischen Achill-Penthesilea-Gruppe, in: Gestalt und Geschichte. Festschrift Karl Schefold (Antike Kunst Beiheft 4, 1967) S. 61ff. Taf. 16ff.
- Ernst Berger, in: Mélanges Müfid Mansel (1974) S. 93ff.
- Ernst Berger, Revue Archéologique 1976, S. 187ff.
- Ernst Berger, Akten des XIII. Internationalen Kongresses für Klassische Archäologie, Berlin 1988 (1990) S. 385 Taf. 58, 1–2.
- R.R.R. Smith, Hellenistic Sculpture: A Handbook (1991), S. 104f. Abb. 134.1.
© Skulpturhalle Basel 2010 (barmasse.org)
