Sammlung

«Skulptur des Monats» März 2006
Der sogenannte «Der Schaber des Lysipp»

Original

Datierung: Römische Marmorkopie einer Bronzestatue um 320 v. Chr.
Material: Marmor
Fundort: Rom, Trastevere (1849)
Standort: Rom, Vatikan Inv. 1185

Abguss

Inv.-Nr.: SH 223
Herkunft: Gipsformerei Antonio Vanini, Frankfurt am Main
Jahr: 1875
Material: Gips, bronziert
Höhe: 205 cm

Werkbetrachtung

Die sportliche Tätigkeit spielte bei den Griechen eine zentrale Rolle, sowohl im täglichen wie auch im kulturellen Leben. Die Ertüchtigung des eige­nen Körpers durch Sport und Jagd zählte zu den Hauptbeschäftigungen eines Jünglings adliger Familien. Das Ziel sportlicher Betätigung war sowohl praktisch als auch ethisch bedingt: Die freien Bürger der griechi­schen Stadtstaaten mussten einerseits in der Lage sein, ihre Ge­meinschaft vor allfälligen Feinden zu verteidi­gen, andererseits gehörte das gute Aussehen zu den Wesensmerkmalen einer morali­schen Voll­kom­menheit. Nur die reichen Leute der Ober­schicht, die nicht arbeiten mussten, hatten die Möglich­keit, solchen «unproduktiven» Tätigkeiten nach­zugehen. Ausserdem war ihr Körper von Anstren­gungen und Unterernährung verschont. Der adlige Jüngling musste deswegen «kalos kai agathos» («schön und gut») sein, um seinen pri­vilegierten Status zur Schau zu tragen. Aus die­sem Grund sind die Athleten oft ein weit verbrei­tetes Thema in der griechischen Kunst. Der nackte männliche Körper erlaubte zudem den Künstlern ihre Fähigkeiten in der Nachahmung, ja Übertreffung der Natur unter Beweis zu stellen und so das Bild des idealen griechischen Man­nes zu festigen.

Abb. 01
Abbildung 1: Der Apoxyomenos in der Skulpturhalle Basel.

Der sogenannte Schaber des Lysipp gehört voll­umfänglich in diese künstlerische Tradition. Lysipp aus Sykion ist einer der berühmtesten Bildhauer Griechenlands. Mit seinem Schaber (griechisch apoxyomenos) bringt er nicht eine sportliche Tätigkeit an sich, sondern die Körper­pflege nach der erfolgten physischen Leistung zur Darstellung: Der nackte Mann reinigt sich vom Öl, Schweiss und dem Sand der Palästra mit einem gebogenen Schabeisen, der strigilis. Durch die horizontal nach vorne ausgestreckten Arme und den in eine unbestimmte Ferne bli­ckenden Kopf wird der Raum vor der Figur in einem früher nicht bekannten Ausmass einbezo­gen. Das zur Seite weit ausgreifende Spielbein gibt dem Stand eine schwebende Leichtigkeit und dem Körperaufbau eine eigenwillige Dyna­mik. Im Vergleich zum schlanken Körperbau des Athleten wirkt der Kopf auffällig klein. Alle diese stilistischen und kompositorischen Merk­male sind typisch für das bildhauerische Oeuvre des Lysipp.

Dass Lysipp u. a. auch einen «Apoxyomeno»s geschaffen hat, wird in der antiken Literatur mehrfach überliefert. So schreibt Plinius der Ältere in seiner Naturalis Historia (34, 62), dass er «einen sich abschabenden Mann» (lateinisch: se destri­gens) angefertigt hatte. Dadurch lässt sich die­ses Werk auch recht genau datieren, denn die biographischen Eck­daten des Schöpfers sind uns sehr gut bekannt. Lysipp war, unter ande­rem, Hofbildhauer Alexanders d.Gr. Der Schaber muss somit ins letzte Viertel des 4. Jhs. v. Chr. datiert werden. Der Anlass seiner Ent­stehung, der Name des Dargestellten sowie der erste Standort in Griechenland sind jedoch nicht bekannt. Den­noch war die Statue in der Antike allgemeine bekannt. Insbesondere die Römer waren von der hervorra­genden Qualität des lysippischen Wer­kes beein­druckt. Marcus Vipsa­nius Agrippa, Schwieger­sohn des Kaisers Augustus, liess die Originalsta­tue nach Rom überführen, um dadurch die von auf dem Marsfeld gestifteten Thermen zu schmücken (Plinius, Naturalis Histo­ria, 34, 62). Der Kaiser Tiberius war von diesem Meisterwerk derart be­geistert, dass er den Scha­ber in den kaiserlichen Palast überführen liess. Das römische Volk ver­langte aber im Theater «mit Geschrei» seine Rückgabe, wodurch deutlich wird, dass dieses Standbild für die Römer als Erben der griechi­schen Tradition viel mehr war als nur ein Kunst­werk. Das bronzene Original ging vermutlich 80 n. Chr. verloren, als ein Brand den Grossteil des Marsfeldes zerstörte.

Abb. 02
Abbildung 2: Apoxyomenos-Replik im Antikenmuseum Basel.

Die 1849 in Trastevere zum Vorschein gekommene (und in den Vatikan überführte) Kopie römischer Zeit scheint aber das verlorene Origi­nal treu wieder­zugeben. Die ursprüngliche Wir­kung der Bronze ist bei unse­rem Gipsabguss des 19. Jahrhunderts durch eine bronzeimitierende Farbfassung nach­empfunden worden, obwohl die Trastevere-Kopie aus Mar­mor ist. Eine Zutat des römischen Kopisten stellt der Baustamm hinter dem linken Bein dar. Er diente der Stabilisierung des schwe­ren Stein­materials ebenso wie die Stütze des linken Armes, die aber am Gipsabguss abge­nommen wurde. Das bronzene Original bedurfte solcher Stützen und Verstrebungen nicht.

Angesichts der Berühmtheit der Statue in römi­scher Zeit ist es erstaunlich, dass sich ausser der Vatika­ner Kopie praktisch keine weiteren römi­schen Repliken erhalten haben. Umso bedeu­tender ist der erst vor zwei Jahren ins Basler Antikenmuseum gelangte Torso einer weiteren, der Öffent­lichkeit bisher nicht bekannten Replik, die noch eindrücklicher als die Vatikaner Kopie Zeugnis von der kraftvollen Plastizität des Origi-nals und von der Virtuosität des Künstlers Lysipp ablegt.

Esau Dozio

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