Sammlung

«Skulptur des Monats» April 2006
Der sogenannte «Wagenlenker von Delphi»

Original

Datierung: 478/74 v. Chr.
Material: Bronze
Fundort: Delphi, Apollonheiligtum
Standort: Delphi, Museum 3484

Abguss

Inv.-Nr.: 1899-1 (SH 67)
Herkunft: Berlin, Königliche Museen
Jahr: 1899
Material: Gips, bronziert
Höhe: 180 cm

Werkbetrachtung

Der Wagenlenker aus Delphi ist – neben dem sogenannten Gott aus dem Meer, den im Meer vor Riace gefundenen Kriegern sowie dem Apoll von Piombino – nur eines der insgesamt fünf erhaltenen grossformatigen Bronzestatuen aus dem 5. Jh. v. Chr. Die Kostbarkeit und «Recyclier­barkeit» des Materials Bronze ist fast allen Meis­terwerken griechischer Erzgiessereikunst zum Verhängnis geworden: In der späten Antike und frühem Mittelalter wurden alle irgendwo noch stehenden antiken Bronzeskulpturen eingesam­melt und eingeschmolzen. Erhalten haben sich im Original deshalb nur solche Bronzestatuen, die schon in der Antike von der Erdoberfläche «verschwunden» waren – sei es, weil sie als Transportgut bei einem Schiffsuntergang im Meer versanken (wie im Falle des «Gottes aus dem Meer» oder den beiden sog. Riace-Kriegern), sei es, weil sie schon in der Antike unter die Erde kamen, wie der Wagenlenker, der wohl infolge eines Erdbebens von 356 v. Chr. beschädigt und verschüttet wurde. Ausgegraben wurde er erst im Jahre 1896 anlässlich von archäologischen Grabungen im Bereich des Apollonheiligtums an der Heiligen Strasse von Delphi. Der Wagenlenker wurde dabei bis auf den fehlenden rechten Unterarm vollständig auf­gefunden. Daneben kamen noch vereinzelte kleinere Bronzefragmente eines Wagens, einzel­ner Pferdebeine, eines Schweifes sowie der Steinbasis. Damit war klar, dass es sich bei den gefundenen Teilen um Reste eines grösseren Denkmals handelte, das aus einem Gespann mit vier Pferden und einem Wagenlenker bestand. Die Bestandteile wurden aus dem Füllmaterial für die Anlage einer Terrasse geborgen, die unter­halb der heiligen Strasse wohl nach dem erwähnten Erdbeben von 356 v. Chr. erbaut wor­den war. Wo das Denkmal ursprünglich stand, ist nicht mehr auszumachen, es muss aber in der Nähe der heiligen Strasse gestanden haben.

Der Wagenlenker steht mit angehobenen Unter­armen aufrecht, ja geradezu starr da. Er trägt einen langen Chiton, der bis auf die Füsse den gesamten Unterkörper verdeckt. Dieses lange Gewand gehörte zur üblichen Ausrüstung grie­chischer Wagenlenker, weil es Schutz vor dem Wind bot. Damit sich der Stoff hinten nicht auf­blähte, wurde er – wie man an unserer Statue gut erkennt – an den Schultern zusammenge­schnürt. Der Kopf ist zur Rechten gewendet und wird von einer mit eingelegten Kupfer- und Silberstreifen verzierten Binde umspannt. In der erhaltenen linken Hand befanden sich bei der Auffindung noch Reste von drei bronzenen Zügeln, die zu den zwei rechten Gespannpferden gehörten. An unserem Abguss wurden sie jedoch nicht mit abgegossen.

Abb. 01
Abbildung 1: Der Wagenlenker in der Skulpturhalle Basel.

Wie alle anderen klassischen Bronzestatuen ist auch der Wagenlenker eine Schöpfung eines anonymen, d. h. eines uns namentlich nicht bekannten Meisters. Die Inschrift auf der mitge­fundenen Basis gibt Auskunft über den Stifter – nicht aber über den Künstler. Der Text der Weih­inschrift gibt folgenden Wortlaut wieder: «Polyzalos, siegreich mit seinen Pferden, hat mich geweiht, der Sohn des Deinomenes, dem du Erfolg gewähren mögest, verehrter Apollon». Dieser Wortlaut geht auf eine spätere Korrektur des Textes zurück. Der ursprüngliche Text lässt sich unter der Überarbeitung aber auch noch entziffern; die erste Zeile lautete einst «Polyzalos, Herr von Gela, hat dieses Denkmal errichtet». Dank der Inschrift wissen wir, dass der Wagen­lenker von einem Denkmal stammt, das an einen Sieg des Polyzalos an den pythischen Spielen von Delphi erinnern sollte.

Polyzalos aus dem Tyrannengeschlecht der Dei­nomeniden, den Herrschern über die griechische Koloniestadt Gela auf Sizilien, trat im Jahre 478 v. Chr. die Nachfolge seines Bruders Hieron an. Da Polyzalos sich nur zwischen 478 und 467 v. Chr. «Herrscher von Gela» nennen konnte, die pythischen Spiele von Delphi nur alle vier Jahre wiederkehrten, und da bei den Spielen von 470 v. Chr. sein Bruder Hieron von Syrakus gewann, kommen für seinen Sieg im Wagenrennen allein die Jahre 478 und 474 in Frage. Die Statue ist somit nicht nur eines der raren Originale griechi­scher Bronzekunst, sondern auch ein hoch bedeutender chronologischer Fixpunkt für die antike Kunstgeschichte.

Das Werk ist ein gutes Beispiel für den strengen Stil, für jene Kunstperiode zu Beginn der griechi­schen Klassik (ca. 490/80–460/50 v. Chr.), die sich in noch verhaltenen Bewegungskompositio­nen und mit einer strengen Formauffassung arti­kuliert. In der Tat erinnert der eiförmige Kopf noch an archaische Statuen und auch der Kör­perauf­bau wirkt im Vergleich mit reiferen Statuen relativ statisch. Das lange Gewand, das der Kör­per vollumfänglich verbirgt, mutet in seinem kom­pakten Gesamteindruck und in seiner Starrheit gar wie eine Säule an.

Der Wagenlenker vermittelt uns eine wichtige Vorstel­lung von griechischen Bronzestatuen. Die Augen sind mit Glaspaste eingelegt und geben dem Kopf einen lebendigen Blick. Die dem mo­dernen Betrachter antiker Skulptur vertrauten, aber völlig unauthentischen «leeren» Augen gehen auf Ver­wischung der ursprünglichen Farbe bzw. auf den Verlust eingelegter Materia­lien zurück.

Es ist der Zufall der Überlieferung, der aus dieser Bronze eines der wichtigsten griechischen Kunstdenkmäler geschaffen hat. Dass die Arbeit nur zweitrangig ist und kein eigentliches Meis­terwerk darstellt, mindert die Bedeutung und Berühmtheit dieses griechischen Originals indes nur gering.

Tomas Lochman

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