Sammlung

«Skulptur des Monats» April 2006
Der sogenannte «Kouros von Tenea» (der «Teneat»)

Original

Datierung: Um 560/50 v. Chr.
Material: parischer Marmor
Fundort: Nekropole von Tenea
Standort: München Glyptothek Nr. 168
Höhe: 153 cm

Abguss

Inv.-Nr.: 09-2 (SH 15)
Herkunft: Abgussatelier der Königlichen Akademie der Bildenden Künste, München (G. Seiler, formatore)
Material: Gips, patiniert

Werkbetrachtung

Kaum eine andere griechische Marmorstatue ist derart gut erhalten wie die archaische Kou­rosstatue, die in der Forschung allgemein als Teneat benannt wird. Gefunden wurde die Statue, wie die Bezeichnung andeutet, in Tenea, einem Dorf in der Nähe Korinths – und zwar im Bereich der antiken Nekropole. Dort stand die Jünglingsstatue ursprünglich über einem Grab – quasi als Vermittler zwischen der Welt der Sterb­lichen und der Welt der Unsterblichen, denn archaische Statuen stellen weder Menschen noch Götter dar. Die frühere Deutung als Apollon ist nicht haltbar.

Abb. 01
Abbildung 1: Kopf des Kouros von Tenea in der Skulpturhalle Basel.

Der nackte Jüngling steht, wie alle archaischen Kourosstatuen, starr und unbewegt da; auch wenn das eine Bein vorgesetzt ist, behält der Körper eine exakte Axialsymmetrie bei und ent­bietet sich dem Betrachter in einer strengen Frontalität. Auffallend stilisiert sind einzelne Partien des Körpers. Die Leistenwulste bilden einen spitzen Winkel, der Rippenkorb einen eigentümlichen Spitzbogen. Im Gesicht fallen die präzis umrissenen Augen und Nase auf, die Lip­pen sind zum berühmten «archaischen Lächeln» hochgezogen. Das Stirnhaar ist vertikal onduliert, die restliche Haarmasse fällt in horizontale Wel­len tief auf den Rücken hinab.

Auf besonders anschauliche Art und Weise kommen beim Teneaten die Gliederungs- und Proportionsprinzipien der archaischen Kou­rosstatuen zu Tage. Die archaisch-griechischen Bildhauer bedienten sich bei den ihren Entwürfen eines verblüffend einfachen Rastersystems, mit dem sie alle Höhen, Breiten und Tiefen der Statue festzulegen imstande waren. Dieses Entwurfsprinzip scheinen sie von ägyptischen Künstlern übernommen zu haben, wo­bei sie den ägyptischen Figurenkanon nicht ein­fach kopierten, sondern leicht modifizierten: Während für die ägyptischen Bildhauer die Augenhöhe ein wichtige Ausrichtung darstellte, gingen die archaischen Bildhauer immer von der Gesamthöhe des Statuenkörpers (von der Sohle bis zum Scheitel) aus. In diesem Rastersystem war auch das Verhältnis der Kopfhöhe zur Gesamthöhe des Körpers entscheidend. In der frühgriechischen Zeit sind Körpergrößen von 6, 6,5, 7 und 7,5 Anzahl Kopfhöhen belegt. Diese Kopfhöhen werden ihrerseits jeweils aus vier Quadrateinheiten gebildet. Der Gesamtraster umfasst in seiner maximalen Höhe folglich 24 (6x4 Einheiten), 26 (6,5x4), 28 (7x4) bzw. 30 (7,5x4) Einheiten. Im Laufe der archaischen Zeit setzte sich immer mehr das Rastersystem mit dreißig Einheiten und einem Kopf-Körperverhältnis von 7,5 durch. Dieses Verhältnis blieb dann über die ganze klassische Zeit hinaus bindend.

Abb. 02
Abbildung 2: Der Kouros von Tenea im Rastersystem.

Das Rastersystem aus 30 Einheiten liegt auch schon unserem Teneat zugrunde – und zwar in vollausgebildeter Harmonie: Legt man einen Raster über den Körper des Kouros (siehe Abb. 2) sieht man, wie genau dieses bei den Gliede­rungen – und zwar sowohl in der Höhe als auch in der Breite wie auch in der Tiefe – befolgt wurde. Wir zählen nur einige Beispiele auf: So ergeben beispielsweise vier Quadrateinheiten die Kopfhöhe, drei die Gesichtshöhe. Die Gesichts­breite setzt sich aus zwei, die höchste Körper­breite (auf Ellenbogenhöhe) genau aus acht Ein­heiten zusammen, die maximale Tiefe entspricht genau vier Quadrateinheiten. Deutlich erkennt man auch, wie bestimmte wichtige Körperteile in ihrer Achsenlage exakt markiert sind; genau in der Körpermitte, also auf Höhe des 15 Quadrats kommt der Gliedansatz zu liegen, während die Höhe der maximalen Hüftbreite, der Taille und der Brustmuskulatur auf den Oberkanten der 14, 18, bzw. 22 Quadrateinheit liegen. Beim archai­schen Körperkanon handelt es sich also um ein Modularsystem, das recht einfach einzusetzen ist, daß aber keine Bewegungen des Körpers oder Verschiebungen der Einzelpartien zulässt. Aus diesem Grund stehen die Kuroi, und auch die Koren, in relativ starrem Schema da. Unser Teneat ist, wie schon erwähnt, ein besonders schönes Beispiel dieses Modularsystems. Er ist aufgrund stilistischer Kriterien in die hocharchai­sche Zeit, d.h. ca. in die Mitte des 6. Jhs.v.Chr. zu datieren Sein Schöpfer ist uns leider nicht bekannt, es muss sich aber um einen heimi­schen, in der Bildhauerschule von Korinth groß­gewordenen Künstler handeln.

Tomas Lochman

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