Sammlung
«Skulptur des Monats» August 2007
«Diomedes» – Der Torso in der Glyptothek München
Original
Datierung: Römische Marmorkopie eines griechi-schen Originals aus der Zeit um 430 v. Chr.
Material: Pentelischer(?) Marmor
Fundort: Unbekannt. Einst im Besitz der Familie Albani in Rom, 1815 in Paris von der Glyptothek erworben.
Standort: München, Glyptothek Inv. 304
Höhe: 102 cm
Abguss
Inv.-Nr.: 1895-1 / SH 98
Herkunft: Aus Gipsformerei der Glyptothek München
Material: Gips, patiniert
Werkbetrachtung
Der Ruhm des homerischen Helden Diomedes wird von den Taten seiner Gefährten im trojanischen Krieg, insbesondere Achill und Odysseus, weit überschattet. Der aus Argos stammende Heros spielt in der Ilias aber dennoch eine zentrale Rolle, trug er doch zur Eroberung und Zerstörung Trojas entscheidend bei. Zusammen mit Odysseus gelang es ihm nämlich, aus Troja das Palladion, das uralte hölzerne Kultbild der Göttin Athena, zu entwenden, womit der Untergang Trojas besiegelt wurde, denn durch den Raub des von den Trojanern verehrten heiligsten Idols war der belagerten Stadt der göttliche Schutz nicht mehr sicher.
In Argos, der Heimatstadt des Diomedes, wurde diese tollkühne Tat durch eine Statuengruppe verewigt, welche ihn und Odysseus auf dem Rückweg ins griechische Lager darstellte. Es ist verlockend, die hier vorgestellte Figur als römische Teilkopie nach diesem ansonsten nicht mehr erhaltenen griechischen Werk zu deuten.

Der junge Krieger wird in heroischer Nacktheit wiedergegeben: Sein perfekt proportionierter und ausgewogen muskulöser Körper wird lediglich von einem auf der linken Schulter drapierten Mäntelchen teilweise verdeckt. Das über die Brust gespannte Schwertband drückt die Schwertscheide eng an die linke Flanke heran. Das Schwert selbst hielt der Kämpfer in seiner Rechten. Mit dem angewinkelten linken Arm muss er hingegen die Beute seiner nächtlichen Raubaktion getragen haben – eben das Palladion.
Den Kopf wendet der dynamische Held zu seiner Linken. Das von kurzen Haar- und Bartlocken eingerahmte Gesicht wirkt zwar in der klassischen Manier sehr entspannt und unpersönlich, die abrupte Wendung des Kopfes könnte jedoch auf einen bestimmten Moment aus der mythologischen Überlieferung hinweisen. In der sog. Kleinen Ilias wird Odysseus’ Versuchung geschildert, seinen Gefährten auf dem Weg zum Lager umzubringen, um allein für die Durchführung dieser ruhmreichen Tat gefeiert zu werden. Diomedes aber konnte dank seiner Wachsamkeit dieser drohenden Gefahr vorbeugen. In der Heftigkeit der Kopfbewegung soll sich die Reaktion auf diese zugespitzte Situation widerspiegeln. Leider hat sich in den überlieferten antiken Statuen keine Kopie einer passenden Odysseusstatue erhalten. Der von Ernst Pfuhl ins Spiel gebrachte Odysseuskopf aus den staatlichen Sammlungen Roms (ehemals im Museo delle Terme ausgestellt, hier Abb. 2) ist umstritten. Viele Forscher bezweifeln sogar, ob überhaupt eine Odysseusfigur zu unserem Diomedes dazugehört hat. Unserer Meinung nach bildete unserer Diomedes ursprünglich mit einer Odysseusfigur durchaus eine statuarische Zweiergruppe, wie der Vergleich mit einer späteren marmornen Diomedes-Odysseus-Gruppe aus Sperlonga nahe legt (Abb. 3); von der Sperlongagruppe, einer Kopie aus der Zeit des Tiberius nach einem Werk des 2. Jhs. v. Chr., hat sich neben dem Kopf des Diomedes, das Palladion der Göttin Athena in der linken Hand des Helden, aber auch der Körper des Odysseus erhalten. Diese jüngere Gruppe scheint die von uns angenommene klassische Gruppe aus Argos ganz offensichtlich zu zitieren, denn auch hier fällt der Diomedeskopf durch seine abrupte Wendung nach links (zum Odysseus hin) auf.

Das argivische Original ist neben der Statue in München und dem Odysseuskopf in Rom auch noch durch weitere römische Diomedesrepliken überliefert. Zu diesen zählt eine Büste, die sich einst in England befand und heute verscholllen ist (die aber durch unseren Abguss SH 636 überliefert bleibt) und eine fast vollständige Statuenkopie aus Cumae (allerdings ohne Schwertscheide), die heute in Neapel zu sehen ist (unsere Nr. SH 946). Ausserdem geben auch noch Zitate aus der Kleinkunst eine Vorstellung von der ursprünglichen Gruppe. Anhand der erhaltenen Kopien lässt sich die Datierung des Originals in die Zeit um 430 v. Chr. eingrenzen. Zugeschrieben wir dieses Werk dem griechischen Meister Kresilas, der in Athen in den Jahrzehnten zwischen ca. 450 und 420 v. Chr. tätig war. Auf ihn geht auch eine der Amazonenstatuen aus dem Artemisheiligtum in Ephesos zurück (siehe unsere Abgüsse SH 1078 und 1548) und auch die bekannte Porträtherme des Staatsmannes Perikles (siehe unsere Nr. SH 95) wird ihm zugewiesen.
Das Original der Diomedesgruppe bestand wohl aus Bronze. Diese Annahme wird durch den Baumstumpf neben dem rechten Bein der Replik aus Cumae bestätigt (an unserem Abguss SH 946 wurde dieser entfernt). Bei solchen baumstammförmigen Stützen handelt es sich in der Regel um Zutaten der Marmorkopisten, welchen mit ihnen das schwere und brüchige Steinmaterial verstärkten und somit die statischen Probleme lösten, die die Bronzen aufgrund ihrer Widerstandsfähigkeit nicht kannten. Andererseits spiegelt sich die Beschaffenheit des bronzenen Originals in der hervorragenden Münchner Kopie wider. Die Marmoroberfläche wird von einem «metallischen» Charakter geprägt, der besonders bei den scharf geschnittenen Augenbrauen und den kurzen, sehr «hart» gearbeiteten Einzellocken des kurzen Haares hervorgehoben wird.

Neben ihrer künstlerischen Vollkommenheit ist die Statue des Diomedes insofern wichtig, als es sich um eine der frühesten Darstellungen einer Episode des trojanischen Sagenkreises in der Grossplastik handelt. Die homerischen Helden galten seit dem 7. Jh. v. Chr. als Vorbild für die aristokratischen Familien der griechischen Stadtstaaten: ihren Taten wurde eine erzieherische Vorbildfunktion zugeschrieben. Trotzdem blieben die bildlichen Darstellungen bis zum frühen 2. Jh. v. Chr. fast ausschliesslich auf Vasenmalerei und Kleinkunst beschränkt. Erst im Hochhellenismus wurden homerische Sagenepisoden wieder auch in der Grossplastik berücksichtigt. Berühmteste Beispiele stellen die Odysseus-Gruppen aus der Skulpturgrotte im Villenkomplex des Kaisers Tiberius von Sperlonga dar. Eine dieser statuarischen Gruppen (siehe Abb. 3), die allesamt Kopien nach hochhellenistischen Vorlagen sind, stellt auch die erwähnte Palladionraubgruppe dar, die sich – wie bereits gesagt – an der früheren klassischen Komposition zu orientieren scheint.
Esaù Dozio/ Tomas Lochman
Auswahl an Literatur
- Ernst Pfuhl, Der Raub des Palladions, Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts. Römische Abteilung 16, 1901, S. 33–41 Taf. 3
- Barbara Vierneisel-Schlörb, Klassische Skulpturen des 5. und 4. Jahrhunderts v. Chr. Glyptothek München, Katalog der Skulpturen II (1979) S. 79–105
- John Boardman, Griechische Plastik. Die klassische Zeit (1987) Abb. 224
- Claude Rolley, La sculpture grecque 2. La période classique (1999) S. 42–43
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