Sammlung

„Skulptur des Monats“ Mai 2009
Die sogenannte „Antenor-Kore“

Original

Datierung: Um 530/20 v. Chr.
Material: Inselmarmor
Herkunft: Athen, Akropolis (Die Kore kam in Frag­menten im Perserschutt zum Vorschein, ebenso die Basis: 1882 wurde östlich des Parthenons der Unterteil und der linke Arm ausgegraben und 1886, westlich des Erechtheions, der Oberteil)
Standorte: Athen, Neues Akropolismuseum, Inv. 681
Höhe: 201 cm (ohne Plinthe und Sockel)

Abguss

Inv.-Nr.: sh 1194 (77-133)
Hersteller: Dresden, Abgusswerkstatt der Staatli­chen Kunstsammlungen
Material: Gips

Werkbetrachtung

Die sog. Antenor-Kore ist bei den Ausgrabungen der Akropolis in mehreren Fragmenten zum Vorschein gekommen, die aber fast vollständig zusammengesetzt werden konnten; nur gerade der rechte Unterarm fehlt sowie gewisse kleinere Partien, wie die Nase oder die Finger der linken Hand.

Die Antenor-Kore gehört zu jenen archaischen Votivsta­tuen, die im Heiligtum der Athena auf der Athener Akropolis aufgestellt waren, bis sie bei der Zerstörung Athens durch die Perser im Jahre 480 v.Chr. beschädigt und beim darauf folgenden Wiederaufbau der Akropo­lis an Ort und Stelle vergraben wurden.

Ihren Namen verdankt die Antenor-Kore dem bedeu­tenden Bildhauer Antenor, dessen Werkstatt in spätar­chaischer Zeit zahlreiche Skulpturen geschaffen hat. Unsere Kore wird deshalb mit diesem Bildhauer in Ver­bindung gebracht, weil die Basis, die mit ziemlicher Sicherheit zu unserer Kore gehörte und die ebenfalls im Perserschutt ausgegraben worden ist, seine Signatur trägt. Der genaue Wortlaut der Basisinschrift lautet: „Nearchos, [der Töpfer], hat mich geweiht von dem Erstlingsopfer; Antenor, Sohn des Eumares, hat [die Sta­tue] geschaffen“.

Die Inschrift ist höchst interessant, werden doch gleich drei bekannte Namen aufgeführt: Signaturen eines Nearchos erscheinen auf mehreren bemalten Tonge­fässen, die in Athen kurz vor der Mitte des 6. Jhs. v.Chr. hergestellt worden sind; Antenor wird von Pausanias (einem Reiseschriftsteller des 2. Jhs.n.Chr.) als Schöpfer der ersten Tyrannenmördergruppe überliefert und Eumarus, der wohl der hier genannte Eumares ist, war jener Maler, der laut Plinius (dem römischen Naturwis­senschaftler des 1. Jhs. n. Chr.) als Erster in Gemälden Männer von Frauen abhob, womit sicherlich die in der Vasenmalerei dieser Zeit tatsächlich zu beobachtende farbliche Unterscheidung der Frauen von den Männern durch den weissen Teint der Frauen gemeint sein muss.

Abb. 1: Gipsabguss der Antenor-Kore in der Skulpturhalle
Abb. 1: Gipsabguss der Antenor-Kore in der Skulpturhalle

Die mächtig wirkende Korenstatue ist wie alle archai­schen Werke streng axialsymmetrisch aufgebaut: Sie steht mit geschlossenen Beinen da und blickt gera­deaus. Der rechte Arm ist angewinkelt, denn in der Hand des einst vorgestreckten, aber abgebrochenen Unterarmes hielt das Mädchen einst ein Opfergeschenk (wohl eine Frucht). Der andere Arm hängt leicht ange­hoben herab, weil die Kore mit ihrer Linken ihr Unterge­wand, den Chi­ton, rafft und damit den Stoff eng um ihre Beine spannt. Der äusserst schmale Stand kontras­tiert effektvoll den wegen den seitlich abgesetzten Armen und dem vorhangartig ausgebreiteten Mäntel­chen auffällig breiten Oberkörper. Der Mantel, den die Kore über dem langen Chiton trägt, ist der in dieser Zeit in Griechenland weit verbreitete ionische Schrägman­tel. Dieser ist über der rechten Schulter zusammenge­heftet und fällt schräg herunter. Die Faltenstege und -täler des Mantels sind in gleichmässig paralleler und radialer Anordnung ange­legt. Das dekorativ wirkende Linienspiel war ursprünglich durch die reiche farbliche Verzierung akzentuiert: Wie bei allen anderen Koren aus dem Perserschutt haben sich auch bei der Kore des Antenor gut lesbare Reste der ursprünglichen Far­big­keit erhalten. Im Gesicht fallen die leeren Augen­höhlen auf; die Pupillen und Augäpfel waren ursprüng­lich im separat gearbeiteten Material eingelegt. Die Haare sind über der Stirn in gleichmässig gerollte Rin­gellöck­chen untergliedert. Darüber trägt die Kore ein Diadem. Das restliche lange Haar fällt vorne links und rechts vom Hals jeweils in vier Strähnen bis zu den Brüs­ten und hinten in einem breiten „Haarteppich“ bis tief in den Rücken hinab.

Die Basis, von der an unserem Abguss nur der obere quaderförmige Teil abgegossen wurde, hat die Form eines Kapitells, was auf eine hohe Aufstellung auf einer Säulenbasis schliessen lässt (siehe Abb. 2).

Abb. 2: Basis zur Antenor-Kore
Abb. 2: Basis zur Antenor-Kore

Es wurde schon mehrfach bezweifelt, dass die mäch­tige Statue von einem einfachen Handwerker geweiht werden konnte und somit die Übereinstimmung des genannten Stifters Nearchos mit dem aus den Vasen­signaturen bekannten Vasentöpfers Nearchos in Frage gestellt. Die Berufsbe­zeichnung ‹Töpfer› (gr. κεραμευς) fehlt auf der fragmen­tiert erhaltenen Basisinschrift fast gänzlich, nur die bei­den letzten Buchstaben -υς sind zu lesen, den Rest haben Forscher ergänzt. Die Ergänzung ist aber nicht rein willkürlich, hatte doch zum Einen der Keramiker Near­chos in dieser Zeit tatsächlich gewirkt, und zum Ande­ren häufen sich gerade im letzen Drittel des 6. Jhs.v.Chr. Weihungen auf der Akropolis markant, was damit zusammenhängen könnte, dass die Bild­hauerwerkstät­ten, wie diejenige des Antenor, durch die Zunahme an Aufträgen, rationeller organisiert und dadurch auch preisgünstiger arbeiten konnten, wodurch immer mehr Personen sich solche Weihungen leisten konnten. Der Bildhauer Antenor hat jedenfalls zahlreiche andere Aufträge erhalten, auch noch in späterer Zeit, darunter auch einen prestigeträchtigen „Staatsauftrag“: die Anfertigung der sog. Tyrannenmör­dergruppe. Dieses Denkmal erin­nerte an den Anschlag zweier Athener auf die Tyran­nen Hippias und Hiparch im Jahre 514 v.Chr.

Antenor hatte seine Statuen sicherlich nicht in Alleinar­beit geschaffen, sondern er durfte zweifellos auf einen grö­sseren Betrieb mit spezialisierten Gehilfen zurückge­grif­fen haben. Die Antenor-Kore ist ein wichtiges Denk­mal – nicht nur ihrer Grösse wegen (sie ist die grösste aller Akropoliskoren), sondern weil sie auch ein bered­tes Beispiel für den Aufschwung der atheni­schen Bild­hauerei in damaliger Zeit liefert.

Tomas Lochman

Auswahl an Literatur