Sammlung
«Skulptur des Monats» Juni 2009
Der sogenannte «Anakreon»
Original
Datierung: Römische Kopien vom 2. Viertel des 2. Jhs. n. Chr. nach einem griechischen Original aus der Zeit um 450/40 v. Chr.
Material: Marmor
Herkunft: Aus der römischen Villa in Monte Calvo bei Rieti (SH 1410) bzw. aus Rom, Trastevere (SH 1519)
Standorte: SH 1410: Kopenhagen, Ny Carlsberg Glyptothek, Inv. 491 (1891 aus der Sammlung Borghese erworben); SH 1519: Rom, Konservatorenpalast Inv. 838
Höhe: SH 1410: 198 cm (mit Plinthe 206 cm); SH 1519: 54,5 cm
Abguss
Inv.-Nr.: 85-26 / SH 1410; 90-18 / SH 1519
Hersteller: Kopenhagen, Ny Carlsberg Glyptothek (SH 1410); München, Atelier Bertolin (SH 1519)
Material: Gips
Werkbetrachtung
Als in den 30er Jahren des 19. Jhs. in den Ruinen einer römischen Villa in Monte Calvo bei Rieti die hier behandelte Statue (danach unser Abguss SH 1410) gefunden wurde, war zunächst nicht klar, um wen es sich bei diesem fast nackten, bärtigen Mann handelte. 1884 brachte der Fund einer Inschriftenbüste im römischen Stadtteil Trastevere, ausserhalb der Porta Portese (unsere SH 1519), Gewissheit: Die Büste aus Trastevere stimmt im Aussehen, in der Haltung des Kopfes und in der Kleidung mit der Statue aus Rieti genau überein. Die Inschrift am unteren Rand weist den Dargestellten als Άνακρεών λυρικός aus – also als den spätarchaischen Dichter Anakreon (572–487 v. Chr.).
Bei der fast vollständigen Statue aus der römischen Villa handelt es sich nach stilistischer Beurteilung um eine Marmorkopie aus der Zeit um 130–150 n. Chr., was die Form der Baumstütze und die Oberflächenbehandlung des Marmors nahe legen. Neben der Statue in Kopenhagen und der beschrifteten Büste in Rom sind noch 7 weitere römische Kopfrepliken des Anakreon erhalten (darunter auch ein Kopf im Pergamonmuseum, von dem die Skulpturhalle ebenfalls einen Abguss, SH 545, besitzt): Die formale Übereinstimmung der einzelnen Stücke untereinander legt nahe, dass sie auf ein gemeinsames griechisches Original zurückgehen. Dieses war ein vermutlich aus Bronze gegossenes Werk, das um 440 v. Chr. entstanden sein dürfte. Für diese Datierung sprechen der strenge Aufbau der Figur mit dem rechteckigen, klar umrissenen Kopf sowie die deutliche Faltenführung des Mäntelchens.
Anakreon ist als Symposionsänger dargestellt und bis auf den kurzen Mantel, der den Rücken bedeckt und über die Schultern nach vorn gelegt ist, unbekleidet. Bis auf den längeren Bart und die hohe Stirn sind an seinem idealisierten Körper keine Altersangaben zu erkennen. Die schlanke, muskulöse Gestalt steht mit beiden Füssen plan auf dem Boden, wobei das linke, gerade durchgedrückte Bein das Standbein ist. Das rechte Spielbein dagegen ist im Knie deutlich geknickt und nach vorn vor den Körper geschoben. Der athletische Oberkörper richtet sich aus der nach rechts abgesenkten Hüfte mit einer leichten Torsion zur entgegengesetzten Seite wieder auf, die Bewegung wird aber im Schulterbereich gebremst: Die Schultern bilden nahezu eine Waagerechte mit nur angedeutetem Abfall der linken Schulter. Das klassische Schema der starken Gegenbewegung der Schulterlinie wird hier durchbrochen und zugunsten eines etwas merkwürdigen Standmotivs, das in der Forschung immer wieder als labil beschrieben wird, aufgegeben.

Abb. 1: Der «Anakreon» in der Skulpturhalle
Auch der Kopf stellt sich gegen den vermeintlich natürlichen Schwung des Körpers. Er sitzt leicht nach rechts aussen gedreht auf dem Rumpf auf und ist etwas nach links geneigt sowie nach rechts oben erhoben. Die von einem lockigen, dichten Bart eingerahmten Lippen sind leicht geöffnet. Leider ist die obere Schädelkalotte nicht erhalten, der Vergleich mit der Inschriftenbüste zeigt aber, dass um den Kopf eine Symposiastenbinde gelegt war. Die zunächst ungewöhnlich erscheinende Kopfhaltung lässt sich dadurch erklären, dass Anakreon voll Enthusiasmus den Kopf erhoben und eines seiner Lieder angestimmt hat.
Wahrscheinlich ist, dass er sich dazu auf einem nicht erhaltenen Barbiton, einem antiken Saiteninstrument, das er in der linken Hand hielt, begleitete. Der Oberarm hängt senkrecht herab. Der Unterarm ist zwar weggebrochen, doch die Bruchstelle legt nahe, dass er im rechten Winkel geradeaus in den Raum ragte und das Instrument gehalten hat. Diese Vermutung stützt auch die Stellung des rechten Armes, der bis zum Handgelenk erhalten ist; mit der erhobenen Hand könnte der Dichter die Saiten angeschlagen haben. Vasenbilder des späten 6. und frühen 5. Jhs. v. Chr. bilden Anakreon singend und tanzend mit seinem Instrument inmitten des Symposiastenumzuges ab. Dieser öffentliche Umzug durch die Strassen, der komos, der sich dem Symposion anschloss, war ein lebhafter und lautstarker Ausdruck der Festfreude der meist bereits stark betrunkenen Symposiasten.
Im Gegensatz zu diesen spätarchaischen Zechern ist Anakreon in der klassischen Statue wesentlich verhaltener dargestellt. Die Bewegung ist insgesamt stark zurückgenommen.
Bemerkenswert an der Statue des Anakreon ist die kynodesme (lat. infibulation): das zugeschnürte und hochgebundene Glied, das in der Forschung unterschiedlich gedeutet wird. Antike Quellen berichten, dass es sich dabei um eine Schutzmassnahme bei Sportlern handelt sowie um eine Tradition, die bei Sängern und Dichtern dem Erhalt der Stimme diene. Dies erscheint im vorliegenden Fall durchaus plausibel, allerdings sind die Quellen späteren Datums als die Skulptur. Ausserdem wird die kynodesme auch als Ausdruck der Gepflegtheit und sexuellen Selbstbeherrschung gedeutet, was der zurückhaltenderen Darstellung des klassischen Symposiasten Anakreon durchaus entsprechen würde.
Literarischen Quellen nach war Anakreon ein berühmter spätarchaischer Lyriker, der aus der ostionischen Stadt Teos stammte. Ihm wird vor allem das Dichten von Trink- und Liebesliedern zugeschrieben, die er bei Symposien vortrug. In ihnen rühmt er das massvolle Trinken bei schönem Gesang. Bekannt wurde er durch sein Wirken am Tyrannenhof des Polykrates von Samos (537–522 v. Chr.). Nach dessen Tod wurde Anakreon vom Tyrannen Hipparchos an den Hof der Peisistratiden nach Athen geholt, um dort als Hofdichter die Symposiasten mit seinen Liedern zu unterhalten. Nach dem Sturz der Tyrannis (510 v. Chr.) verliert sich seine Spur. Da er erst 85-jährig verstorben sein soll, erlebte er sehr wahrscheinlich noch den Wechsel zum 5. Jh. v. Chr. und somit die beginnende Demokratisierung Athens.
Noch in der römischen Kaiserzeit war die Dichtung Anakreons beliebt, was erklärt, warum Statuenkopien des Dichters Teil der Villenausstattung der wohlhabenderen Römer werden konnten.
Das Urbild, auf das alle römische Kopien zurückgehen, wird in der Forschung mit einer Anakreon-Statue in Verbindung gebracht, die der im fortgeschrittenen 2. Jh. n. Chr. lebende Reiseschriftsteller Pausanias auf der Athener Akropolis gesehen hat: Er überliefert in seinem Werk (Beschreibung Griechenlands I 25,1), dass die «Statue des Anakreon von Teos» gegenüber der Ostfront des Parthenon, in der Nähe des Denkmals des Xanthippos, des Vaters des Perikles, stand. Der Zusatz des Pausanias, Anakreon «sei im Schema eines trunkenen Sängers dargestellt», passt gut zu dem instabilen, leicht schwankenden Stand der römischen Kopie und legt eine Gleichsetzung nahe.
Abb 2: Anakreon-Büste in der SkulpturhalleInteressant ist die Frage nach dem Stifter der ursprünglichen Statue auf der Akropolis. Stilistische Vergleiche (z.B. mit dem Kapaneus vom Schild der Athena Parthenos des Phidias) legen eine Entstehung im Umkreis des Phidias nahe, der massgeblich an der Neugestaltung der Akropolis unter Perikles in der 2. Hälfte des 5. Jhs. v. Chr. beteiligt war. Von einer direkten Zuschreibung an Phidias, wie noch Adolf Furtwängler sie Ende des 19. Jhs. vorschlug, wird mittlerweile jedoch Abstand genommen.
Als möglicher Stifter rückt immer wieder Perikles in den Fokus der Forschung. Doch warum sollte Perikles als vehementer Vertreter der attischen Demokratie dem Tyrannenfreund Anakreon posthum ein solches Denkmal am repräsentativsten Ort der Stadt setzen? Der Deutungsvorschlag Paul Zankers geht dahin, dass Perikles, selbst von vornehmer Herkunft und mit den durch Anakreon symbolisierten Symposien vertraut, diese mit neuen Werten versehen wollte, um sie in seinem Sinne moral-politisch einzusetzen. An die Stelle der ehemals ausschweifenden und wollüstigen Stimmung beim Trinkgelage, die noch auf den spätarchaischen Bildern zum Ausdruck kommt, treten bei der klassischen Anakreon-Statue neue, tugendhaft aufgeladene Normen wie massvoller Weingenuss und Enthaltsamkeit (kynodesme). Der emotionslose Blick wird als Ausdruck der Kontrolle und Konzentration beim fröhlichen Gelage gedeutet und auch die nackte, fast alterslose Darstellung idealisiert das Bild des vorbildlichen und gezügelten Symposiasten. Diese Werte sind es, die Perikles’ Verhaltensnormen entsprechen und mittels der Statue symbolisiert werden sollten, immer aus der Überlegung heraus, dass Feste auch unter Perikles noch immer zur attischen Lebensart gehörten.
Letztlich kann nicht entschieden werden wer – ob tatsächlich Perikles selbst – Initiator der Statue war. Es bleibt ebenso möglich, dass ein anderer wohlhabender Stifter, vielleicht sogar ein Sänger, eine Huldigung an das berühmte Vorbild mit entsprechender Interpretation tätigen wollte.
Susanne Brodkorb
Auswahl an Literatur
- Emmanuel Voutiras, Studien zu Interpretation und Stil griechischer Porträts des 5. und frühen 4. Jahrhunderts (1980) S. 77ff.
- Klaus Stemmer (Hg.), Standorte. Kontext und Funktion antiker Skulptur (Ausstellungskatalog der Abguss-Sammlung antiker Plastik Berlin, 1995) S. 184–185 Nr. B 46; S. 443 Nr. D 31
- Paul Zanker, Die Maske des Sokrates. Das Bild des Intellektuellen in der antiken Kunst (1995) S. 29ff.
- Thomas Schäfer, Alte Werte, neue Bilder: Das Trinkgelage klassischer Zeit in Athen, in: Die Griechische Klassik (2002) S. 285–295, Kat. Nr. 179
- Peter C. Bol, in: Geschichte der antiken Bildhauerkunst II (2004) S. 30f., 104f. Abb. 73
© Skulpturhalle Basel 2010 (barmasse.org)
